Blekingegade-Bande: Die Terrorzelle, die den PET revolutionierte
Eine Gruppe von Dänen mit Wurzeln in der extremen Linken führte über ein Jahrzehnt lang systematische Banküberfälle, Postamtraubzüge und Betrügereien durch, ohne entdeckt zu werden. Das Geld floss nicht in Luxus oder Flucht, sondern direkt an die PFLP (Popular Front for the Liberation of Palestine). Als der dänische Nachrichtendienst PET die Blekingegade-Bande 1989 schließlich aufrollte, war der Schaden bereits angerichtet: Ein Polizist war tot, Millionen waren in den Nahen Osten geschickt worden, und der PET stand vor dem katastrophalsten Geheimdienstversagen der dänischen Geschichte.
Das Doppelleben in der Blekingegade
Von Ende der 1960er Jahre bis 1989 führten die Mitglieder der Blekingegade-Bande scheinbar normale Leben. Sie hatten Jobs, Familien und Adressen in Kopenhagen – viele wohnten gerade in oder um die Blekingegade in Nørrebro. Doch wenn die Dunkelheit hereinbrach, verwandelten sie sich in etwas völlig anderes: disziplinierte Räuber mit militärischer Präzision.
Die Methoden der Bande waren professionell. Sie planten sorgfältig, nutzten Verkleidungen, gestohlene Autos und falsche Identitäten. Das Geld aus ihrer Kriminalität verschwand niemals in privatem Luxus. Stattdessen wurden Millionen von Kronen durch geheime Netzwerke an die PFLP geschleust, eine marxistisch-leninistische palästinensische Organisation mit Basis im Nahen Osten.
Ihre ideologische Überzeugung war das Fundament: Sie sahen sich selbst als Internationalisten im Kampf gegen Imperialismus und Zionismus. politisch motivierte Kriminalität wurde ihre Waffe, und sie glaubten, dass der Zweck die Mittel heiligte.
Der Schusswechsel in der Købmagergade
Am 22. November 1988 kulminierte die Geschichte der Blekingegade-Bande in Dänemarks vielleicht dramatischstem Polizeischusswechsel in Friedenszeiten. Die Polizeibeamten Jesper Egtved Hansen und Flemming Baltzersen entdeckten verdächtige Aktivitäten in der Købmagergade in Kopenhagen und griffen ein.
Es entwickelte sich blitzschnell zu einem Schusswechsel auf offener Straße. Beide Beamte wurden getroffen. Flemming Baltzersen starb an seinen Verletzungen, während Jesper Egtved Hansen überlebte, aber schwer verletzt war. Die Täter flohen vom Tatort.
Der Schusswechsel schockierte Dänemark. Dass Polizeibeamte in der Kopenhagener Innenstadt erschossen wurden, war nahezu undenkbar. Doch erst Monate später wurde der Öffentlichkeit und dem PET klar, dass dies kein zufälliger Raubüberfall war, der schiefgelaufen war – es war der Höhepunkt jahrzehntelanger geheimer Terrorfinanzierung.
Das katastrophale Versagen des PET
1989 führte der PET koordinierte Razzien durch und rollte endlich die Blekingegade-Bande auf. Sieben Personen wurden verhaftet und später verurteilt. Doch die Festnahmen warfen eine unangenehme Frage auf: Wie hatte eine Gruppe von Dänen über ein Jahrzehnt lang als Terrorzelle operieren können, ohne entdeckt zu werden?
Die Antwort war vernichtend für den PET. Der Nachrichtendienst hatte sich nahezu ausschließlich auf Bedrohungen von außen und Rechtsextremismus konzentriert. Die Vorstellung, dass dänische Linksaktivisten sich zu einer professionellen Terrororganisation mit internationalen Verbindungen entwickeln könnten, war schlichtweg nicht auf dem Radar.
Die Bande hatte durch minutiöse Planung, Zellenaufteilung und Konspirationstechniken operiert, die an westdeutsche Terrorgruppen wie die Rote Armee Fraktion erinnerten. Doch während die RAF gut bekannt und aktiv überwacht wurde, hatte die Blekingegade-Bande vom Image Skandinaviens als Region des Friedens und Dialogs profitiert.
Der Prozess, der niemals endete
Der Prozess gegen die Blekingegade-Bande wurde einer der längsten in der dänischen Rechtsgeschichte. Die Anklage musste nicht nur die konkreten Verbrechen beweisen – Banküberfälle, Waffenbesitz, Urkundenfälschung – sondern auch die ideologische und wirtschaftliche Verbindung zur PFLP.
Angeklagt waren Jan Weimann, Niels Jørgensen, Torkil Lauesen und vier weitere. Die Verteidiger argumentierten, dass die politischen Motive der Angeklagten als mildernde Umstände betrachtet werden sollten. Die Staatsanwaltschaft zeichnete dagegen das Bild kaltblütiger Krimineller, die Millionen von Kronen an eine Terrororganisation geschickt und die dänische Sicherheit aufs Spiel gesetzt hatten.
Die Urteile lagen zwischen vier und zehn Jahren Haft. Doch die juristischen und politischen Nachwirkungen dauerten weit länger an. Die dänische Terrorgesetzgebung wurde in den Jahren danach erheblich verschärft.
Was veränderte dieser Fall?
Die Blekingegade-Bande veränderte den dänischen Nachrichtendienst und die Terrorgesetzgebung fundamental. Der PET durchlief eine komplette Umstrukturierung. Der Fokus wurde erweitert, um auch inländischen Extremismus jeder politischen Richtung einzubeziehen. Neue Überwachungsmethoden wurden genehmigt, und die Zusammenarbeit mit internationalen Nachrichtendiensten wurde intensiviert.
Der Fall zwang Dänemark auch anzuerkennen, dass Linksterrorismus kein exklusiv westdeutsches oder italienisches Phänomen war. Skandinavien war nicht immun gegen ideologisch motivierte Gewalt, selbst wenn sie von innen kam und von Menschen mit Bildung, Jobs und Familien ausging.
Politisch löste der Fall eine jahrelange Debatte darüber aus, wie Demokratien Sicherheit gegen Freiheitsrechte abwägen sollen und ob ideologische Überzeugung jemals Terror rechtfertigen kann. Die Blekingegade-Bande wurde zu einer Fallstudie über Radikalisierung, Konspirationstechniken und Geheimdienstversagen – und bleibt einer der einzigartigsten Terrorfälle in der skandinavischen Geschichte: Eine erfolgreiche Linksterrorgruppe, die zehn Jahre lang unentdeckt operierte.
Das Erbe der Blekingegade-Bande ist noch heute sichtbar: In den Arbeitsmethoden des PET, in der dänischen Terrorgesetzgebung und in der kollektiven Erinnerung daran, dass ideologischer Extremismus unerwartete Formen annehmen kann – selbst in der friedlichsten Ecke der Welt.