Zwei Jahre später, im Jahr 2011, wurde das Urteil aufgehoben. Nach etwa vier Jahren in italienischer Haft kam Knox frei und kehrte in die USA zurück. Für viele schien der Fall damit abgeschlossen.
Der Prozess geht weiter
Doch das italienische Rechtssystem hatte noch nicht das letzte Wort gesprochen. 2013 hob ein Berufungsgericht den Freispruch auf Antrag der Staatsanwaltschaft wieder auf – der Fall wurde neu aufgerollt. 2014 verurteilte ein Appellationsgericht in Florenz Knox erneut wegen Mordes.
Knox, die mittlerweile wieder in den USA lebte, musste aus der Ferne mitverfolgen, wie sie ein zweites Mal zur Mörderin erklärt wurde – obwohl sie bereits freigelassen worden war.
DNA-Beweise entlasten Knox
Einen entscheidenden Wendepunkt brachte eine gerichtlich angeordnete Überprüfung der DNA-Beweise. Die Untersuchung ergab, dass auf der angeblichen Tatwaffe keine DNA-Spuren von Meredith Kercher gefunden werden konnten. Auch im Zimmer, in dem der Mord stattfand, wurden keine DNA-Profile von Amanda Knox nachgewiesen.
Stattdessen wiesen alle entscheidenden forensischen Beweise auf eine andere Person hin: Rudy Guede, einen italienisch-ivorischen Mann. Seine Fingerabdrücke, Fußspuren und DNA wurden sowohl am Tatort als auch auf dem Körper des Opfers gefunden.
Endgültiger Freispruch 2015
Am 27. März 2015 entschied Italiens höchstes Gericht, der Kassationsgerichtshof (Corte di Cassazione), den Fall endgültig. Amanda Knox und Raffaele Sollecito wurden freigesprochen.
In der Urteilsbegründung kritisierte das Gericht "offensichtliche Fehler", "Gedächtnislücken in der Ermittlung" und "schuldhafte Auslassungen" in der ursprünglichen Anklage. Das Wichtigste: Das Gericht kam zu dem Schluss, dass weder Knox noch Sollecito "materiell am Mord beteiligt gewesen sein können".
Ein weltweites Medienspektakel
Die fast achtjährige juristische Schlacht machte Amanda Knox zu einem der bekanntesten Namen in der Geschichte internationaler True-Crime-Fälle. Selbst nach ihrer Freilassung 2011 stand sie unter intensiver Beobachtung der Medien. Der Fall wurde in zahllosen Büchern, Dokumentationen und TV-Serien verarbeitet.
Für die Familie von Meredith Kercher bedeutete das Drama zusätzliches Leid. Sie mussten mitansehen, wie ihre Tochter und Schwester zum Zentrum eines chaotischen Justizdramas wurde, in dem mögliche Täter verurteilt, freigesprochen und wieder verurteilt wurden – während die wahren Zusammenhänge lange im Dunkeln blieben.
Was wurde aus Rudy Guede?
Rudy Guede wurde 2008 in einem separaten Schnellverfahren wegen des Mordes an Meredith Kercher verurteilt und zu 16 Jahren Haft verurteilt. Er wurde 2021 vorzeitig aus der Haft entlassen. Guede bestritt stets, den Mord allein begangen zu haben, doch die Beweislage gegen ihn war erdrückend.
Der Fall Amanda Knox bleibt ein mahnendes Beispiel dafür, wie Ermittlungsfehler, Medienrummel und ein komplexes Justizsystem das Leben unschuldiger Menschen zerstören können – während die eigentliche Tragödie, der Tod einer jungen Frau, fast in Vergessenheit gerät.