Sunny von Bülow stammte aus einer der reichsten Familien Amerikas. Ihr Vermögen und ihre gesellschaftliche Stellung machten das Paar zu Fixpunkten der Schickeria an der amerikanischen Ostküste.
Die mysteriösen Insulininjektionen
In den Jahren 1979 und 1980 erlitt Sunny von Bülow in der gemeinsamen Villa in Newport, Rhode Island, mehrere lebensbedrohliche Zusammenbrüche. Die Ärzte diagnostizierten eine Insulin-Überdosierung. Nach dem zweiten Vorfall fiel die 49-Jährige ins Koma – ein Zustand, aus dem sie nie mehr erwachen sollte.
Giftmorde
Die Ermittlungen konzentrierten sich schnell auf Ehemann Claus. Ermittler fanden eine sogenannte "schwarze Tasche" mit einer Spritze, die Insulinrückstände aufwies. Die Staatsanwaltschaft war überzeugt: Von Bülow hatte versucht, seine Frau zu ermorden, um an ihr Vermögen zu gelangen.
Erste Verurteilung: 30 Jahre Haft
1982 stand Claus von Bülow vor Gericht. Die Beweislage schien erdrückend: Die Insulinspritze, die Zeugenaussagen, das Motiv. Die Geschworenen befanden ihn des versuchten Mordes für schuldig. Das Urteil: 30 Jahre Gefängnis.
Doch von Bülow beteuerte seine Unschuld und ging nicht ins Gefängnis. Er legte Berufung ein und engagierte einen der brillantesten Rechtsanwälte der USA.
Alan Dershowitz und die erfolgreiche Berufung
Professor Alan Dershowitz von der renommierten Harvard Law School übernahm die Verteidigung. Der als Medienanwalt bekannte Jurist erkannte die Schwachstellen der Anklage: Die entscheidenden Beweise – die Spritze und die schwarze Tasche – waren ohne ordnungsgemäßen Durchsuchungsbefehl beschlagnahmt worden.
Am 27. April 1985 hob der Oberste Gerichtshof von Rhode Island die Verurteilung auf. Das Gericht entschied, dass die Beweise unzulässig gewesen waren. Ein neuer Prozess wurde angeordnet.
Berühmte Justizirrtümer
Der sensationelle Freispruch von 1985
Im zweiten Prozess 1985 in Providence sah sich die Staatsanwaltschaft ohne ihre wichtigsten Beweismittel. Ohne die Insulinspritze konnte sie nicht zweifelsfrei nachweisen, dass von Bülow seine Frau vergiftet hatte. Die Verteidigung argumentierte geschickt, dass Sunny möglicherweise selbst Insulin genommen oder dass ihr Koma andere medizinische Ursachen haben könnte.
Die Geschworenen sprachen Claus von Bülow frei. Das Urteil löste heftige Kontroversen aus. Viele waren überzeugt, dass ein Mörder durch juristische Tricks entkommen war. Andere sahen darin einen Triumph der Rechtsstaatlichkeit.
Das Leben danach
Sunny von Bülow verblieb 28 Jahre lang im Koma, bis sie am 6. Dezember 2008 starb, ohne je das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Ihre Kinder aus erster Ehe waren zeitlebens davon überzeugt, dass von Bülow ihre Mutter vergiftet hatte.
Claus von Bülow selbst zog sich nach dem Prozess weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Er lebte bis zu seinem Tod am 25. Mai 2019 in London, wo er im Alter von 92 Jahren verstarb. Seine Schuld oder Unschuld wurde nie abschließend geklärt.
Kulturelles Vermächtnis: "Reversal of Fortune"
1990 wurde der Fall unter dem Titel "Reversal of Fortune" (deutscher Titel: "Die Affäre der Sunny von B.") verfilmt. Jeremy Irons spielte Claus von Bülow mit eisiger Eleganz – eine Darstellung, für die er den Oscar als bester Hauptdarsteller erhielt. Glenn Close verkörperte die komatöse Sunny.
Der Film machte den Fall weltweit bekannt und prägte das öffentliche Bild von Claus von Bülow als rätselhaften, möglicherweise schuldig gesprochenen Aristokraten, der dem Gesetz entkam.
Ein Fall für die Ewigkeit
Der Fall Claus von Bülow bleibt einer der umstrittensten der amerikanischen Kriminalgeschichte. War er ein kaltblütiger Giftmörder, der durch einen Verfahrensfehler davonkam? Oder ein unschuldig Angeklagter, der Opfer vorschneller Verdächtigungen wurde?
Die Wahrheit starb möglicherweise mit Sunny von Bülow 2008 – oder mit Claus selbst 2019. Was bleibt, ist eine Geschichte über Reichtum, Verrat und die Grenzen der Justiz, die bis heute fasziniert und polarisiert.