Nord Stream: Sabotage in der Ostsee — wer sprengte die Pipelines?
Die Zerstörung der Gaspipelines 2022 bleibt eines der größten ungelösten Sabotage-Rätsel Europas

Die Zerstörung der Gaspipelines 2022 bleibt eines der größten ungelösten Sabotage-Rätsel Europas

Vier Unterwasser-Explosionen erschütterten am 26. September 2022 die Ostsee nahe der dänischen Insel Bornholm und zerstörten die Gaspipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2. Seismische Messgeräte der Danish Geological Survey zeichneten um 02:03 Uhr und 19:03 Uhr Erschütterungen auf, die einer Magnitude von 2,3 auf der Richterskala entsprachen. Die Lecks entstanden in den ausschließlichen Wirtschaftszonen Dänemarks und Schwedens, etwa 80 Kilometer südöstlich von Bornholm. Jede der vier betroffenen Pipeline-Stränge wies Risse von 200 bis 800 Metern Länge auf — ein beispielloses Ausmaß der Zerstörung.
Die Explosionen setzten schätzungsweise 500 Millionen Kubikmeter Methan frei, was als größte Methanfreisetzung durch menschliche Aktivität gilt. Die Danish Energy Agency dokumentierte massive Gasblasen an der Meeresoberfläche, die tagelang sichtbar blieben. Die Sabotage ereignete sich mitten im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und wurde sofort als gezielte Infrastrukturzerstörung eingestuft.
Schweden, Dänemark und Deutschland leiteten unmittelbar nach den Explosionen umfangreiche Ermittlungen ein. Die schwedische Staatsanwaltschaft eröffnete am 27. September 2022 ein Verfahren wegen schwerer Sabotage (Ermittlungsnummer NAK-2022-000572). Die Försvarets radioanstalt (FRA) und die schwedische Küstenwache sammelten Beweise vom Meeresgrund, darunter Sprengstoffrückstände und Metallteile. Nach 16 Monaten stellte Schweden die Ermittlungen am 8. Februar 2024 ein — mit der Begründung, keine schwedische Jurisdiktion zu besitzen und keinen Verdächtigen identifiziert zu haben.
Four Explosions Strike the Baltic Sea
Underwater blasts destroy Nord Stream 1 and 2 near Bornholm. Seismic instruments register tremors measuring 2.3 on the Richter scale.
Investigations Begin
Sweden, Denmark, and Germany open parallel investigation mandates for serious sabotage.
Denmark Closes Case
Danish Police and PET conclude their investigation without charges due to insufficient evidence.
Sweden Closes Case
Swedish prosecution authority concludes investigation, citing lack of Swedish jurisdiction.
International Arrest Warrant Issued
Germany issues arrest warrant for Volodymyr Z., Ukrainian national, suspected of sabotage.
Details About Yacht "Andromeda" Released
German prosecutors reveal findings about pro-Ukrainian group and the vessel used as operational base.
Dänemark folgte zwei Tage später. Die dänische Polizei und der Inlandsgeheimdienst PET (Politiets Efterretningstjeneste) hatten parallel ermittelt, kamen aber ebenfalls zu keinem Ergebnis. Am 6. Februar 2024 wurde der Fall 2022-426536 eingestellt, da kein ausreichender Verdacht gegen identifizierte Personen bestand.
Nur Deutschland führt die Ermittlungen fort. Die Bundesanwaltschaft (GBA) in Karlsruhe übernahm den Fall unter dem Aktenzeichen 85 AR 2934/22-1 und stufte ihn als Staatssicherheitssache ein. Die deutschen Ermittler kamen zu einem überraschenden Ergebnis: Sie identifizierten eine pro-ukrainische Gruppe als Hauptverdächtige.
Im August 2024 veröffentlichte die Bundesanwaltschaft entscheidende Details. Ermittler hatten die Yacht "Andromeda" identifiziert, die im September 2022 in Rostock gemietet worden war. An Bord sollen sich sechs bis zehn Personen befunden haben — überwiegend ukrainische Staatsbürger und ein Russe. Forensische Untersuchungen der Yacht ergaben Sprengstoffrückstände vom Typ HMX, einem militärischen Hochleistungssprengstoff.
Die Operation wurde offenbar privat finanziert, die Kosten werden auf etwa 300.000 Euro geschätzt. Im Juni 2024 erließ die Bundesanwaltschaft einen internationalen Haftbefehl gegen Volodymyr Z., einen ukrainischen Staatsbürger, geboren 1992. Zwei weitere Verdächtige wurden identifiziert: Wojciech K. und J.S., beide polnische Staatsbürger. Keiner von ihnen konnte bisher festgenommen werden.
Die ukrainischen Behörden kooperieren nach deutschen Angaben nicht vollständig mit den Ermittlungen. Die Bundesregierung betont, dass keine Hinweise auf staatliche ukrainische Beteiligung vorliegen — die Gruppe habe eigenständig gehandelt. Diese Darstellung bleibt umstritten.
Neben der deutschen Ermittlungslinie kursieren weitere Theorien. Der amerikanische Journalist Seymour Hersh veröffentlichte im Februar 2023 einen Artikel, in dem er behauptete, die USA hätten die Pipelines im Auftrag von Präsident Joe Biden gesprengt. Die US-Regierung wies dies als "Fiktion" zurück. Das Weiße Haus erklärte am 8. Februar 2023, Hershs Behauptungen seien "völlig falsch".
Russische Offizielle beschuldigten wiederholt westliche Staaten, insbesondere Großbritannien und die USA. Der NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg bezeichnete die Explosionen am 29. September 2022 als "wahrscheinlich russisch motiviert", ohne konkrete Beweise vorzulegen. Die EU-Kommission sprach vorsichtig von "Sabotage durch unbekannte Akteure".
Fast vier Jahre nach den Explosionen bleibt der Fall ungelöst. Die deutschen Ermittlungen laufen weiter, ein Urteil gibt es nicht. Volodymyr Z. ist untergetaucht, die Ukraine liefert ihn nicht aus. Die beschädigten Pipelines liegen weiterhin am Meeresgrund — Sanierungsarbeiten wurden nie begonnen. Nord Stream 2 war ohnehin nie in Betrieb gegangen, Nord Stream 1 war kurz vor den Explosionen von Russland abgeschaltet worden.
Die Bundesanwaltschaft gab im Januar 2026 bekannt, die Ermittlungen fortzusetzen, ohne neue Details zu nennen. Rechtsexperten gehen davon aus, dass der Fall aus politischen Gründen möglicherweise nie vollständig aufgeklärt wird. Die Zerstörung der Pipelines markiert einen Wendepunkt in der europäischen Energiepolitik und zeigt die Verwundbarkeit kritischer Infrastruktur in Zeiten hybrider Konflikte.