Die Mordserie beginnt
Peter Kürten versetzte zwischen November 1929 und Mai 1930 die Stadt Düsseldorf in einen Ausnahmezustand, wie ihn Deutschland zuvor nicht erlebt hatte. Der am 26. Mai 1883 in Mülheim am Rhein geborene Täter ermordete mindestens neun Menschen, darunter Kleinkinder, Jugendliche und erwachsene Frauen. Seine Opfer erstach, erwürgte oder erschlug er mit einem Hammer – und in mehreren Fällen trank er ihr Blut direkt aus den Wunden. Diese grausame Handschrift brachte ihm den Beinamen "Vampir von Düsseldorf" ein.
Das erste bekannte Opfer der Serie war die fünfjährige Maria Wilhelm, die Kürten am 8. November 1929 in Flehe mit 36 Stichwunden tötete. Es folgte am 13. Februar 1930 die 34-jährige Else Schüller, die er in der Kurfürstenstraße mit einer Schere erstach. Die 15 Monate alte Maria Schultze wurde am 9. Mai 1930 in Reisholz ermordet, ihr Hals durchgeschnitten und die Leiche im Hof vergraben. Die Brutalität steigerte sich: Am 25. August 1930 tötete Kürten die fünfjährige Marie-Luise Lenzen und verletzte ihre 13-jährige Schwester Gertrud schwer.
Eine Stadt in Panik
Die Mordserie löste in Düsseldorf eine beispiellose öffentliche Hysterie aus. Bürgermeister Robert Lehr verhängte 1929 eine Ausgangssperre für Kinder ab 18 Uhr. Frauen wagten sich nachts nicht mehr auf die Straße, Schulkinder wurden von bewaffneten Eltern abgeholt. Die Behörden setzten eine Belohnung von 10.000 Reichsmark aus – die höchste, die jemals in Deutschland ausgelobt worden war.
Mehr als 1.000 Zeitungsartikel erschienen über den Fall. Die "Kölnische Zeitung" und die "Frankfurter Zeitung" berichteten am 25. Mai 1930 über das "grauenvolle Verbrechen" und den "Mörder von Flehe". Staatsanwalt Adolf Köthe erklärte bei der Hauptverhandlung am 24. April 1931: "Die Taten versetzten die gesamte Bevölkerung in Angst und Schrecken." Die Atmosphäre jener Monate sollte später Fritz Lang zu seinem expressionistischen Meisterwerk inspirieren.
Ernst Gennat und die Jagd auf den Täter
Im November 1929 wurde Ernst Gennat, Chef der Berliner Kriminalpolizei und später als "Vater der deutschen Kriminalistik" bekannt, nach Düsseldorf berufen. Gennat führte moderne Ermittlungsmethoden ein: zentrale Aktenführung, Tatortfotografie und systematische Fahndungsfotos. Er entwickelte ein Täterprofil basierend auf Fußabdrücken und Werkzeugspuren – der Hammer als wiederkehrende Mordwaffe war ein Schlüsselelement.
Gennat und sein Team überprüften 900 Verdächtige. In einem Bericht vom 25. Mai 1930 charakterisierte er den gesuchten Täter als "sexuell perversen Sadisten mit Tierquälereien in der Vorgeschichte" – eine Beschreibung, die sich als erschreckend präzise erweisen sollte. Kürten hatte bereits in seiner Kindheit Tiere gequält und getötet.
Die Verhaftung erfolgte am 24. Mai 1930 auf unerwartete Weise: Kürtens Ehefrau Elisabeth, die von den Taten erfahren hatte, wandte sich an die Polizei – in der Hoffnung, die hohe Belohnung zu erhalten. Kürten selbst hatte ihr von seinen Verbrechen erzählt und sie gedrängt, ihn zu verraten.
Prozess und Hinrichtung
Vom 13. bis 24. April 1931 stand Peter Kürten vor dem Schwurgericht Düsseldorf unter Vorsitz von Richter Heinrich Nurse. Er gestand insgesamt 35 Verbrechen, darunter Morde, Mordversuche und Sexualdelikte. Das Gericht verurteilte ihn am 24. April 1931 zum neunfachen Tod durch die Guillotine.
Am 2. Juli 1931 um 6:02 Uhr wurde Peter Kürten im Gerichtsgefängnis Köln durch Scharfrichter Karl Gröpler hingerichtet. Seine letzten Worte waren: "Sobald der Schnapper fällt, sehe ich, ob es ein Nichts gibt." Der Psychiater Karl Berg, der Kürten intensiv untersucht hatte, veröffentlichte noch im selben Jahr das Buch "Der Fall Peter Kürten", das auf offiziellen Gerichtsprotokollen basierte.
Kultureller Nachhall und Fritz Langs 'M'
Nur neun Tage nach dem Urteilsspruch, am 11. Mai 1931, feierte Fritz Langs Film "M – Eine Stadt sucht einen Mörder" in Berlin Premiere. Lang hatte sich explizit vom Kürten-Fall inspirieren lassen – die Panik in Düsseldorf, die Kindermorde, die verzweifelte Fahndung. Im Interview mit dem "Berliner Tageblatt" 1931 bestätigte Lang: "Der Vampir von Düsseldorf war Ausgangspunkt."
Der Fall Peter Kürten wurde zum Symbol für die Ängste der Weimarer Republik und beeinflusste die deutsche Kriminalistik nachhaltig. Ernst Gennats Methoden wurden zum Standard, sein Buch "M – der Vampir von Düsseldorf" (1931) zum Lehrbuch. Der Name Kürten steht bis heute für eine der dunkelsten Kapitel der deutschen Kriminalgeschichte – ein Monster, das in der Anonymität der Großstadt mordete und eine ganze Stadt in Geiselhaft nahm.