Die zehnjährige Ursula Maria Herrmann verschwand am 15. September 1981 gegen 15:15 Uhr aus dem Garten ihres Elternhauses in Eching im Landkreis Freising. Sie wurde in ein selbstgebautes Erdverlies von nur 1,2 mal 1,2 mal 1,5 Metern gesperrt und erstickte dort vermutlich durch Sauerstoffmangel. Erst nach 27 Jahren führte forensische Spitzenforschung zur Verurteilung des Postboten Werner Mazurek – ein Meilenstein für die deutsche Kriminalistik.
Die Entführung und das Erdverlies
An jenem Septembertag 1981 spielte Ursula im Garten der Familie in der beschaulichen bayerischen Gemeinde. Plötzlich war sie verschwunden. Die Ermittler erhielten wenig später eine Erpresser-Kassette: Der Täter forderte zwei Millionen D-Mark Lösegeld. Die Familie und die Polizei folgten den Anweisungen, doch das Mädchen blieb verschwunden.
Am 30. August 1984 – fast drei Jahre nach der Tat – entdeckten Spaziergänger in einem Waldstück bei Eching einen mit Brettern gezimmerten Holzkasten im Boden. Darin lag Ursulas Leichnam. Die Konstruktion war primitiv, aber effektiv: Sie hatte keine Chance zu entkommen und war erstickt. Die Ermittlungen liefen ins Leere. Über zwei Jahrzehnte blieb der Fall Cold Case ungelöst und wurde zu einem der bekanntesten Vermisstenfälle Deutschlands.
Der Durchbruch durch Stimmanalyse
Der entscheidende Wendepunkt kam im April 2007. Werner Heinz Mazurek, geboren 1949 und als Postbote in Eching tätig, gestand plötzlich die Tat. Was hatte ihn nach einem Vierteljahrhundert überführt? Die Antwort lag in der modernen forensischen Technologie.
1981 hatte die Kriminalpolizei bereits versucht, die Stimme auf der Erpresserkassette zu analysieren – ohne Erfolg. 2007 setzten die Ermittler die Software BATVOX ein, ein hochmodernes System zur akustischen Analyse. Das Ergebnis war eindeutig: Die Stimme auf dem Band stimmte mit einer Wahrscheinlichkeit von über 99 Prozent mit Werner Mazureks Stimme überein.
Dies war das erste Mal in Deutschland, dass eine Stimmanalyse als gerichtlich verwertbarer Beweis akzeptiert wurde – ein bahnbrechender Moment für die forensische Wissenschaft. "Die forensischen Gutachten, insbesondere die Stimmanalyse, haben hier eine Schlüsselrolle gespielt und setzen neue Maßstäbe", erklärte Oberstaatsanwalt Wolfgang M. bei der Verkündung des Urteils.
Holzspuren führen zum Täter
Neben der Stimmanalyse lieferte auch der Holzvergleich entscheidende Beweise. Die Bretter des Erdverlieses wurden mit Holz aus Mazureks Garage verglichen. Die Ergebnisse waren eindeutig: Die Maschinenbearbeitungsspuren waren identisch, ebenso die Harzanalyse. Es handelte sich um Bauholmfichte aus dem Raum Eching – und die Bretter stammten zweifelsfrei aus Mazureks Besitz.
Das Landgericht Augsburg verurteilte Werner Mazurek am 28. November 2008 wegen Entführung zum Zwecke der Ermordung, Mordes und Verstoßes gegen das Waffengesetz zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Das Urteil wurde 2009 rechtskräftig, nachdem der Bundesgerichtshof die Revision abwies.
Die Familie und die späte Gerechtigkeit
Für die Familie Herrmann bedeutete das Urteil nach 27 Jahren endlich Gewissheit. "Nach 27 Jahren haben wir Gewissheit. Der Täter war ein Nachbar", sagte Vater Hermann Herrmann am Tag nach der Urteilsverkündung. Die Ironie war besonders bitter: Mazurek hatte als Postbote regelmäßig im Haus der Herrmanns verkehrt und war den Eltern bekannt.
Mazureks Ehefrau Irmgard M. wurde 2010 freigesprochen. Eine Beihilfe zur Tat konnte nicht nachgewiesen werden. Sie hatte nach eigenen Angaben nichts von den Plänen ihres Mannes gewusst.
Vermächtnis für die Kriminalistik
Der Fall Ursula Herrmann hat die deutsche Kriminalistik nachhaltig verändert. Die erfolgreiche Anwendung der Stimmanalyse eröffnete neue Möglichkeiten bei der Aufklärung alter und neuer Verbrechen. Das Bundeskriminalamt dokumentierte den Fall 2008 als Meilenstein forensischer Arbeit.
Heute, im Jahr 2026, sind akustische Analysen und mikroskopische Materialvergleiche Standard in der Verbrechensbekämpfung. Der Fall zeigt, dass auch Jahrzehnte alte Spuren durch neue Technologien plötzlich zu belastbaren Beweisen werden können – eine Hoffnung für die Angehörigen ungeklärter Verbrechen weltweit.
Der Fall bleibt ein erschütterndes Beispiel für die Grausamkeit von Entführungsfällen und zugleich ein Beweis dafür, dass Gerechtigkeit manchmal Geduld braucht – aber letztlich doch siegen kann.