Frühe Jahre und kriminelle Laufbahn
Fritz Heinrich Karl Haarmann wurde am 25. Oktober 1879 in Hannover geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Seine Kindheit war von Konflikten mit dem Vater und psychischen Auffälligkeiten geprägt. Bereits in jungen Jahren fiel er durch kriminelles Verhalten auf und wurde mehrfach wegen Diebstahls und Betrugs verurteilt. Nach gescheiterten Versuchen, sich beruflich zu etablieren, glitt Haarmann immer tiefer in die Kriminalität ab.
Während des Ersten Weltkriegs diente er kurzzeitig beim Militär, wurde jedoch aufgrund gesundheitlicher Probleme entlassen. In den chaotischen Jahren der Weimarer Republik nach Kriegsende etablierte sich Haarmann in Hannovers Unterwelt als Schwarzmarkthändler und Polizeispitzel. Diese doppelte Rolle verschaffte ihm Zugang zu gefährdeten jungen Menschen und gleichzeitig einen gewissen Schutz vor Strafverfolgung.
Die Mordserie in Hannover
Zwischen 1918 und 1924 beging Haarmann eine der grausamsten Mordserien in der deutschen Kriminalgeschichte. Seine Opfer waren fast ausschließlich männliche Jugendliche und junge Männer im Alter zwischen 10 und 22 Jahren, die er am Bahnhof von Hannover ansprach. Viele von ihnen waren Ausreißer, Obdachlose oder Stricher – gesellschaftliche Außenseiter, deren Verschwinden zunächst kaum Aufmerksamkeit erregte.
Haarmann lockte seine Opfer unter verschiedenen Vorwänden in seine Wohnung in der Hannoverschen Altstadt. Dort tötete er sie durch Bisse in die Kehle, was ihm später den Beinamen "Vampir von Hannover" einbrachte. Nach den Morden zerstückelte er die Leichen und entsorgte Körperteile in der Leine. Es wurde ihm auch vorgeworfen, Fleisch der Opfer auf dem Schwarzmarkt als Pferdefleisch verkauft zu haben, obwohl dies nie eindeutig bewiesen wurde.
Sein Komplize Hans Grans, mit dem er in einer Beziehung lebte, war an einigen Verbrechen beteiligt und profitierte vom Verkauf der Kleidung und Habseligkeiten der Opfer.
Festnahme und Prozess
Im Juni 1924 führte der Fund von Knochenresten in der Leine zu verstärkten Ermittlungen. Am 22. Juni 1924 wurde Haarmann schließlich festgenommen, nachdem Zeugen ihn mit einem vermissten Jungen gesehen hatten. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fanden die Ermittler Kleidung und persönliche Gegenstände zahlreicher vermisster Personen.
Der Gerichtsprozess gegen Fritz Haarmann begann am 4. Dezember 1924 in Hannover und erregte internationale Aufmerksamkeit. Haarmann gestand die Morde an 27 jungen Männern, wobei das Gericht letztlich 24 Fälle als bewiesen ansah. Seine detaillierten Geständnisse und die schiere Brutalität der Taten schockierten die Öffentlichkeit.
Am 19. Dezember 1924 wurde Haarmann zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde am 15. April 1925 durch Enthauptung mit dem Fallbeil in Hannover vollstreckt. Sein letzter Wunsch war eine Zigarre, die ihm gewährt wurde.
Vermächtnis und kulturelle Rezeption
Der Fall Fritz Haarmann gilt als einer der bekanntesten Kriminalfälle der Weimarer Republik und hat die deutsche Kriminalgeschichte nachhaltig geprägt. Die Verbrechen warfen ein Schlaglicht auf die sozialen Verwerfungen der Nachkriegszeit, die mangelnde Fürsorge für gefährdete Jugendliche und die Korruption in Polizeikreisen.
Haarmanns Fall wurde vielfach in Literatur, Film und Theater aufgegriffen. Der bekannteste Film ist Fritz Langs "M – Eine Stadt sucht einen Mörder" (1931), der zwar nicht direkt auf Haarmann basiert, aber von dessen Fall inspiriert wurde. Auch in der modernen Popkultur bleibt Haarmann eine düstere Figur, die immer wieder für Dokumentationen und fiktionale Bearbeitungen herangezogen wird.