Der erste Mord und die Verurteilung
Am 5. September 1974 erdrosselte der 23-jährige Johann "Jack" Unterweger die 18-jährige Renate Pschenitschnig in Graz nach einer Vergewaltigung. Das Landesgericht Graz verurteilte ihn am 22. April 1976 wegen Mordes, Vergewaltigung, Raubs und weiterer Straftaten zu lebenslanger Haft ohne Bewährungsmöglichkeit vor Ablauf von 15 Jahren.
Die Tat war brutal und kaltblütig. Unterweger, der bereits eine kriminelle Vergangenheit hatte, zeigte während des Prozesses keine Reue. Niemand hätte damals geahnt, dass dieser Fall nur der Auftakt zu einer noch dunkleren Geschichte werden würde.
Der Aufstieg zum gefeierten Autor
Hinter Gittern entdeckte Unterweger sein literarisches Talent. 1984 veröffentlichte er seine Autobiografie "Fegefeuer oder die Reise ins Zentrum des Hasses", die in der österreichischen Kulturszene für Aufsehen sorgte. Das Werk wurde als authentischer Einblick in die Psyche eines Gewaltverbrechers gefeiert.
1985 erhielt er den renommierten Georg-Trakl-Preis für seine Gedichte. Prominente Intellektuelle wie die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und Thomas Bernhard setzten sich für ihn ein. Unterweger wurde zum Paradebeispiel für die Kraft der Kunst als Mittel zur Resozialisierung stilisiert.
Die Resozialisierung von Straftätern war ein zentrales Thema der progressiven Politik jener Zeit. Unterweger schien der lebende Beweis zu sein, dass selbst schwere Gewalttäter durch Bildung und Selbstreflexion zu produktiven Gesellschaftsmitgliedern werden können.
Die verhängnisvolle Entlassung
Am 23. Mai 1990 wurde Jack Unterweger nach 15 Jahren Haft bedingt entlassen. Justizministerin Gertraud Knoll (SPÖ) bezeichnete ihn öffentlich als "Beispiel für erfolgreiche Resozialisierung". Die Entscheidung basierte auf positiven Gutachten und der Überzeugung, dass Unterweger sich grundlegend verändert hatte.
Die Medien feierten seine Freilassung. Unterweger wurde als Talkshow-Gast eingeladen, hielt Vorträge und arbeitete sogar als Journalist für den ORF. Seine Metamorphose vom brutalen Mörder zum kultivierten Schriftsteller faszinierte die Öffentlichkeit.
Doch nur fünf Monate nach seiner Entlassung begann die zweite, noch grausamere Mordserie.
Die zweite Mordserie
Ab Oktober 1990 wurden in verschiedenen österreichischen Städten Prostituierte ermordet aufgefunden — alle erdrosselt mit ihrem eigenen BH oder Strumpf. Die Tötungsmethode war nahezu identisch mit dem Mord von 1974, doch die Polizei zog zunächst keine Verbindung zu Unterweger.
Die bestätigten Opfer in Österreich:
- Brunhilde Masser (39), Graz, 11. Oktober 1990
- Heidemarie G. (29), Graz, 12. Oktober 1990
- Elfriede Schrempf (39), Wien-Praterstern, 7. März 1991
- Sabine Moitzi (18), Wien-Prater, 12. April 1991
- Silvia Zagler (23), Bregenz, 20. Mai 1991
- Karin S. (25), Klagenfurt am Wörthersee, 4. August 1991
Im Juni und Juli 1991 reiste Unterweger als ORF-Reporter nach Los Angeles, um über die Prostitutionsszene und Polizeiarbeit zu berichten. Während seines Aufenthalts wurden drei Prostituierte ermordet: Shannon Exley (35), Irene Rodríguez (25) und Nina Monroe (26) — mit derselben Methode wie in Österreich.
Die Jagd und Verhaftung
Die Mordkommission in Wien begann schließlich, Muster zu erkennen. Als DNA-Spuren und Zeugenaussagen Unterweger mit mehreren Tatorten in Verbindung brachten, wurde gegen ihn ermittelt. Der ehemalige Musterhäftling war plötzlich der Hauptverdächtige in einer internationalen Serienmord-Ermittlung.
Unterweger floh in die USA, wurde aber am 27. Februar 1992 in Miami vom FBI verhaftet. DNA-Beweise und Zeugenaussagen belasteten ihn schwer. Im März 1992 wurde er nach Österreich ausgeliefert.
Der Prozess und das Ende
Ab dem 13. Juni 1994 stand Unterweger am Grazer Landesgericht vor Gericht. Der Prozess dauerte 66 Verhandlungstage, 40 Zeugen sagten aus. Die Beweislast war erdrückend: forensische Spuren, Zeugenaussagen und die charakteristische Tötungsmethode verbanden ihn eindeutig mit den Morden.
Am 28. Juni 1994 wurde Unterweger in sechs Mordfällen in Österreich und drei Morden in den USA für schuldig befunden und zu lebenslanger Haft ohne Bewährung verurteilt. Gerichtspräsident Dr. Werner Pleischl erklärte: "Die Taten zeigen höchste Grausamkeit."
In der Nacht zum 29. Juni 1994 erhängte sich Jack Unterweger in seiner Zelle mit einem Gürtel und Schnürsenkeln. Er entzog sich damit der Verantwortung für seine Taten und ließ viele Fragen unbeantwortet.
Das Vermächtnis eines Skandals
Der Fall Jack Unterweger bleibt bis heute eine der kontroversesten Entscheidungen der österreichischen Justizgeschichte. Er wirft fundamentale Fragen über die Resozialisierung von Gewalttätern, die Rolle von Gutachtern und die Verantwortung der Gesellschaft auf.
Mindestens neun Frauen starben, weil ein verurteilter Mörder vorzeitig aus der Haft entlassen wurde. Die Debatte über diesen Fall prägt bis heute Diskussionen über Strafvollzug und bedingte Entlassungen in Österreich und darüber hinaus.