Highway of Tears: Über 40 Frauen verschwunden und ermordet
Seit 1969 verschwinden Frauen an Kanadas düsterster Straße

Seit 1969 verschwinden Frauen an Kanadas düsterster Straße

Entlang einer 724 Kilometer langen Strecke des Highway 16 in der kanadischen Provinz British Columbia ereignet sich seit Jahrzehnten eine düstere Mordserie. Die Straße, die sich durch dichte Wälder und isolierte Gemeinden schlängelt, trägt den makabren Namen "Highway of Tears" – Autobahn der Tränen. Seit 1969 sind mindestens 40 Frauen und Mädchen entlang dieser Route verschwunden oder ermordet worden, die meisten von ihnen indigener Herkunft.
Die Tragödie erstreckt sich über mehr als ein halbes Jahrhundert und offenbart ein tiefgreifendes gesellschaftliches Problem: Rassismus, koloniale Strukturen, soziale Verwundbarkeit und institutionelles Versagen haben eine gefährliche Landschaft für einige der verletzlichsten Bürger Kanadas geschaffen.
Die ersten ungeklärten Fälle auf dem Highway of Tears datieren auf die frühen 1970er-Jahre zurück und unterstreichen die lange Geschichte dieser Mysterien. Im Dezember 1974 verschwand die 15-jährige Monica Ignas aus Thornhill, nachdem sie ihr Zuhause verlassen hatte, um Freunde zu besuchen. Ihre Eltern meldeten sie als vermisst, doch erst vier Monate später wurde ihre Leiche unter dem Schnee begraben gefunden – in der Nähe des Ortes, wo sie zuletzt gesehen worden war.
Beginn der dokumentierten Fälle
Die ersten ungeklärten Vermisstenfälle entlang des Highway 16 werden registriert, markieren den Beginn einer jahrzehntelangen Mordserie.
Monica Ignas verschwindet
Die 15-jährige Monica Ignas aus Thornhill wird vermisst gemeldet. Ihre Leiche wird vier Monate später unter Schnee begraben gefunden. Der Fall bleibt ungeklärt.
Colleen MacMillen wird getötet
Die 16-jährige Colleen MacMillen verschwindet beim Trampen bei Lac La Hache. Der Fall bleibt 38 Jahre lang ungeklärt.
Alberta Rose ermordet
Die 16-jährige Alberta Rose verschwindet nach einem Abend in Prince Rupert. Ihre halb begrabene Leiche wird später gefunden, der Mord bleibt unaufgeklärt.
Alishia Germaine ermordet
Die 15-jährige Alishia Germaine wird in Prince George ermordet aufgefunden. Sie war von ihrem Schulgelände weggelockt worden.
Lana Derrick verschwindet
Die 19-jährige Lana Derrick wird an einer Tankstelle nahe Terrace zuletzt gesehen, im Gespräch mit einem Mann in einem Pickup. Sie bleibt verschwunden.
RCMP richtet Sondereinheit ein
Die Royal Canadian Mounted Police gründet eine Sondereinheit zur systematischen Untersuchung der Fälle am Highway of Tears.
Highway of Tears Symposium
Erstes großes Symposium bringt Familien der Opfer, indigene Gemeinschaften und Behörden zusammen, um Lösungen zu diskutieren.
DNA-Durchbruch: Bobby Jack Fowler identifiziert
Fortschrittliche DNA-Technologie verknüpft den amerikanischen Kriminellen Bobby Jack Fowler mit dem Mord an Colleen MacMillen und mindestens zehn weiteren Fällen.
Nationale Untersuchung beginnt
Die kanadische Regierung startet eine umfassende nationale Untersuchung zu getöteten und vermissten indigenen Frauen und Mädchen.
Abschlussbericht spricht von Genozid
Der Abschlussbericht der nationalen Untersuchung wird veröffentlicht und bezeichnet die Gewalt gegen indigene Frauen als Genozid.
Die Obduktion bestätigte Gewalteinwirkung, aber trotz vorhandener Spuren blieb Monica Ignas' Mord jahrzehntelang ein Cold Case. Im selben Sommer 1974 verschwand die 16-jährige Colleen MacMillen beim Trampen bei Lac La Hache. Ihr Fall blieb 38 Jahre lang ungeklärt.
Erst 2012 kam es zu einem entscheidenden Durchbruch: Fortschrittliche DNA-Technologie verband den Mord an Colleen MacMillen mit dem verurteilten amerikanischen Kriminellen Bobby Jack Fowler. Obwohl Fowler selbst bereits verstorben war, tauchte seine DNA in Verbindung mit mindestens zehn weiteren ungeklärten Fällen auf. Dies warf die düstere Vermutung auf, dass ein Serienmörder für einen erheblichen Teil der bekannten Fälle entlang des Highway 16 verantwortlich sein könnte.
Die 1980er-Jahre setzten die düstere Serie fort. Die 16-jährige Alberta Rose verschwand 1980 nach einem Abend in Prince Rupert. Ihr Fall wurde zunächst als einfaches Weglaufen behandelt, bis ein Hinweis die Polizei zu ihrer halb vergrabenen Leiche führte. Der mangelnde Zugang zu modernen Ermittlungstechniken wie DNA-Analysen in den 80er-Jahren trug dazu bei, dass auch dieser Fall ungeklärt blieb.
Die 1990er-Jahre markierten einen deutlichen Anstieg der Fallzahlen und stellten das Systemversagen bei der Behandlung dieser Vermisstenfälle drastisch zur Schau. Im Oktober 1995 hielt die 19-jährige Lana Derrick an einer Tankstelle nahe Terrace. Überwachungsaufnahmen zeigten sie im Gespräch mit einem Mann in einem Pickup-Truck, aber die schlechte Bildqualität verhinderte eine Identifizierung.
Ihre Familie kritisierte die Polizei scharf dafür, nicht schneller eine öffentliche Fahndung ausgeschrieben zu haben – eine Verzögerung, die ihrer Meinung nach fatale Folgen gehabt haben könnte. Lana Derrick wurde nie gefunden. Ein Jahr zuvor, im Dezember 1994, wurde die 15-jährige Alishia Germaine in Prince George ermordet aufgefunden. Es stellte sich heraus, dass sie von ihrem Schulgelände weggelockt worden war.
Die überwiegende Mehrheit der Opfer entlang des Highway of Tears sind indigene Frauen und Mädchen – eine Tatsache, die das strukturelle Problem der Gewalt gegen indigene Menschen in Kanada verdeutlicht. Viele der Betroffenen stammten aus abgelegenen Gemeinden und waren auf das Trampen angewiesen, da es kaum öffentliche Verkehrsmittel gibt.
Die isolierte Lage der Straße durch dünn besiedelte Waldgebiete bietet Täter ideale Bedingungen: wenig Zeugen, lange Strecken zwischen Ortschaften und begrenzte polizeiliche Präsenz. Familien der Opfer werfen den Behörden seit Jahren vor, die Fälle nicht mit der nötigen Priorität zu behandeln – ein Vorwurf, der durch zahlreiche Untersuchungen bestätigt wurde.
Ers im Jahr 2005 richtete die Royal Canadian Mounted Police (RCMP) eine Sondereinheit ein, um die Fälle systematisch zu untersuchen. 2006 folgte ein Symposium zum Highway of Tears, bei dem Familien der Opfer, indigene Gemeinschaften und Behörden zusammenkamen. Die Forderungen nach besseren Verkehrsverbindungen, mehr Aufklärung und konsequenterer Strafverfolgung wurden lauter.
2012 brachte die Identifizierung von Bobby Jack Fowler als mutmaßlicher Täter in mehreren Fällen einen Hoffnungsschimmer, doch viele Fälle bleiben bis heute ungeklärt. 2016 startete die kanadische Regierung eine nationale Untersuchung zu getöteten und vermissten indigenen Frauen und Mädchen, die 2019 einen umfassenden Abschlussbericht vorlegte und von "Genozid" sprach.
Trotz jahrzehntelanger Bemühungen sind viele Familien noch immer ohne Antworten. Neue DNA-Analysen, verbesserte forensische Methoden und die Wiederaufnahme alter Fälle geben Hoffnung, doch die Aufklärungsquote bleibt erschreckend niedrig. Der Highway of Tears steht symbolisch für die Gewalt gegen indigene Frauen in Kanada und weltweit.
Die Geschichte dieser Straße ist mehr als eine Ansammlung von Kriminalfällen – sie ist ein Mahnmal für strukturelles Versagen, gesellschaftliche Gleichgültigkeit und den fortdauernden Kampf um Gerechtigkeit für die Verletzlichsten der Gesellschaft. Bis heute setzen sich Angehörige, Aktivisten und indigene Gemeinschaften dafür ein, dass die verschwundenen und ermordeten Frauen nicht vergessen werden und dass endlich alle Fälle aufgeklärt werden.