Getty-Entführung: Abgetrenntes Ohr als Druckmittel der Mafia
Die brutale Entführung von John Paul Getty III durch die 'Ndrangheta

Die brutale Entführung von John Paul Getty III durch die 'Ndrangheta

Am 10. Juli 1973 entführten Mitglieder der italienischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta den 16-jährigen John Paul Getty III mitten in Rom von der Piazza Farnese. Der Enkel des damals reichsten Mannes der Welt sollte zum Opfer einer der brutalsten Entführung der Geschichte werden – eine Geschichte von unfassbarem Reichtum, eiskalter Berechnung und erschütternder Gewalt.
Die Entführer stellten sofort eine schwindelerregende Forderung: 17 Millionen US-Dollar Lösegeld – nach heutiger Kaufkraft etwa 123 Millionen Dollar. Eine Summe, die selbst für die Getty-Familie eine Herausforderung darstellte.
Doch dann geschah das Undenkbare: J. Paul Getty Sr., der Öl-Milliardär und Großvater des Entführten, weigerte sich kategorisch zu zahlen. Seine Begründung ging in die Geschichte ein und offenbarte eine kalte, geschäftsmäßige Logik: "Wenn ich auch nur einen Cent zahle, werde ich 14 entführte Enkelkinder haben."
Entführung in Rom
John Paul Getty III wird von der 'Ndrangheta von der Piazza Farnese in Rom entführt. Er ist 16 Jahre alt.
Lösegeldforderung
Die Entführer fordern 17 Millionen US-Dollar. Großvater J. Paul Getty Sr. weigert sich zu zahlen.
Ohr abgetrennt
Nach vier Monaten ohne Zahlung schneiden die Entführer John Paul Getty III das rechte Ohr ab und senden es an eine römische Zeitung.
Freilassung
Nach Zahlung von 2,2 Millionen Dollar Lösegeld wird Getty III nach fünf Monaten Gefangenschaft freigelassen.
Ohr-Rekonstruktion
John Paul Getty III unterzieht sich einer plastischen Operation zur Rekonstruktion seines abgetrennten Ohrs.
Verhaftungen
Neun Personen werden verhaftet, doch nur zwei werden verurteilt. Die Mafia-Bosse kommen frei.
Der alte Getty hatte 14 Enkelkinder – und fürchtete offenbar mehr um sein Vermögen als um das Leben seines Enkels.
Während in der Öffentlichkeit über das Lösegeld verhandelt wurde, durchlebte John Paul Getty III einen Albtraum. Die 'Ndrangheta hielt ihn in einer abgelegenen Höhle im bergigen Kalabrien gefangen, der Heimatregion dieser besonders brutalen Mafia-Organisation im Süden Italiens.
Monat für Monat verging. Der Teenager wurde systematisch misshandelt und gefoltert. Die Entführer verloren zunehmend die Geduld – und griffen zu einer Maßnahme, die selbst in der Welt des organisierten Verbrechens als extrem gilt.
Im November 1973, nach vier Monaten erfolgloser Verhandlungen, schickten die Kidnapper eine grausame Botschaft: Sie schnitten John Paul Getty III das rechte Ohr ab und sandten es zusammen mit einer Haarsträhne an eine römische Zeitung.
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die Brutalität der Tat schockierte die Weltöffentlichkeit – und bewegte schließlich auch den steinernen Großvater zum Handeln.
J. Paul Getty Sr. lenkte ein, allerdings auf seine ganz eigene Art: Die Lösegeldsumme wurde auf 2,2 Millionen Dollar herunterverhandelt. Doch selbst jetzt zeigte der Milliardär sein wahres Gesicht.
Er zahlte nur den Betrag, den er steuerlich absetzen konnte – etwa 2 Millionen Dollar. Den Rest musste sein eigener Sohn, John Paul Getty Jr., der Vater des Entführten, von seinem Vater leihen. Und Getty Sr. verlangte dafür vier Prozent Zinsen.
Am 15. Dezember 1973, nach fast fünf Monaten Gefangenschaft, wurde John Paul Getty III schließlich freigelassen. Er war traumatisiert, körperlich geschwächt und für immer gezeichnet – nicht nur durch das fehlende Ohr.
Neun Personen wurden im Zusammenhang mit der Kidnapping verhaftet, darunter hochrangige 'Ndrangheta-Mitglieder wie Girolamo Piromalli und Saverio Mammoliti. Doch das italienische Rechtssystem versagte auf ganzer Linie.
Nur zwei der neun Angeklagten wurden tatsächlich zu Gefängnisstrafen verurteilt. Die übrigen, einschließlich der Mafia-Bosse, wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Der größte Teil des Lösegelds wurde niemals wiedergefunden – und verschwand vermutlich in den Kassen der 'Ndrangheta.