Der Scopes-Prozess: Als Evolution illegal wurde
Tennessee gegen einen Lehrer

Tennessee gegen einen Lehrer

Am 9. Mai 1925 wurde John Thomas Scopes in Dayton, Tennessee, verhaftet. Sein Verbrechen: Er hatte Charles Darwins Evolutionstheorie in einer öffentlichen Schule unterrichtet. Doch die Geschichte hinter dieser Verhaftung war weitaus komplexer als es zunächst schien.
Drei Monate zuvor, am 13. März 1925, hatte Tennessee den Butler Act verabschiedet – ein Gesetz, das den Unterricht der Evolutionslehre an öffentlichen Schulen ausdrücklich verbot. Die Kleinstadt Dayton suchte nach Aufmerksamkeit und wirtschaftlichem Aufschwung. Die Lösung: ein spektakulärer Gerichtsprozess, um die Verfassungsmäßigkeit des neuen Gesetzes zu testen.
John Scopes wurde zum idealen Kandidaten – oder besser gesagt: zum perfekten Bauernopfer. Das Pikante daran: Scopes unterrichtete Physik und Mathematik, nicht Biologie. Er war sich selbst nicht sicher, ob er jemals Evolution gelehrt hatte. Doch als die American Civil Liberties Union (ACLU) nach einem Testfall suchte, um den Butler Act anzufechten, stellte sich Scopes zur Verfügung.
Butler Act wird verabschiedet
Tennessee verbietet per Gesetz den Unterricht der Evolutionstheorie an öffentlichen Schulen.
Verhaftung von John Scopes
Der 24-jährige Lehrer wird in Dayton wegen Verstoßes gegen den Butler Act verhaftet.
Prozessbeginn
Der Scopes-Prozess beginnt am Rhea County Criminal Court und wird erstmals live im Radio übertragen.
Schuldspruch
Die Jury spricht Scopes schuldig und verhängt eine Geldstrafe von 100 Dollar.
Ende des Butler Act
Nach 42 Jahren wird das Gesetz gegen Evolutionsunterricht in Tennessee offiziell aufgehoben.
Justizirrtum
Vom 10. bis 21. Juli 1925 fand der Prozess am Rhea County Criminal Court in Dayton statt. Was folgte, war ein Medienspektakel von historischem Ausmaß. Zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte wurde ein Gerichtsverfahren live im Radio übertragen – durch den Sender WGN Radio.
Die Kleinstadt Dayton verwandelte sich in eine Bühne. Straßenhändler verkauften Souvenirs, Schaulustige strömten zu Hunderten in die Stadt, und Reporter aus dem ganzen Land berichteten über das, was schnell als "Monkey Trial" – Affenprozess – bekannt wurde.
Die Verteidigung übernahm Clarence Darrow, einer der brillantesten Strafverteidiger seiner Zeit. Auf der Anklageseite stand William Jennings Bryan, ein ehemaliger Außenminister und dreimaliger Präsidentschaftskandidat. Beide waren juristische Giganten ihrer Ära.
Sensationsprozess
Der Prozess entwickelte sich schnell zu weit mehr als einer einfachen Strafsache. Es wurde ein ideologisches Duell zwischen Moderne und traditionellem Glauben, zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und religiöser Überzeugung.
Bryan argumentierte, dass der Staat das Recht habe, die religiöse Erziehung von Kindern zu schützen. Darwin zu unterrichten bedeute, den christlichen Glauben anzugreifen. Darrow hingegen verteidigte die Freiheit der Wissenschaft und das Recht auf Bildung ohne religiöse Zensur.
In einem dramatischen Moment rief Darrow Bryan selbst als Zeugen auf – ein in Gerichtsverfahren höchst ungewöhnlicher Schachzug. Stundenlang befragte er ihn zur wörtlichen Auslegung der Bibel und brachte ihn mehrfach in Erklärungsnot. Diese Kreuzverhöre wurden legendär und zeigten die Spannung zwischen wörtlichem Bibelverständnis und wissenschaftlicher Erkenntnis.
Am 21. Juli 1925 sprach die Jury John Scopes schuldig. Die Strafe: eine Geldbuße von 100 Dollar – umgerechnet etwa 1.790 Dollar nach heutiger Kaufkraft (Stand 2026).
Doch damit war die juristische Auseinandersetzung nicht beendet. Scopes legte Berufung ein, und der Fall landete vor dem Obersten Gerichtshof von Tennessee. Dort wurde das Urteil aus formalen Gründen aufgehoben – allerdings ohne dass die Verfassungsmäßigkeit des Butler Act geprüft wurde. Scopes war freigesprochen, aber das Gesetz blieb bestehen.
Historische Kriminalfälle