Einen Tag später, am 14. Mai 2011, wurde Amy Fry-Pitzen leblos in einem Hotelzimmer in Rockford, Illinois, aufgefunden. Die Frau hatte sich das Leben genommen. Von ihrem Sohn Timmothy fehlte jede Spur.
Vermisste Kinder
Der rätselhafte Abschiedsbrief
Am Fundort hinterließ Amy einen Abschiedsbrief, der die Ermittler bis heute beschäftigt. Darin schrieb sie, dass Timmothy in Sicherheit sei, aber dass niemand ihn jemals finden werde. Diese Formulierung ließ verschiedene Interpretationen zu: Hatte sie ihren Sohn jemandem anvertraut? Lebte er überhaupt noch?
Timothys Vater James Pitzen ist bis heute überzeugt, dass sein Sohn am Leben ist. Er glaubt, dass Amy den Jungen in ihrer psychischen Ausnahmesituation einer anderen Person übergeben hat – möglicherweise jemandem, den die Familie nicht kannte. Diese Theorie stützt sich vor allem auf den Wortlaut des Abschiedsbriefs.
Spurensuche und beunruhigende Funde
Bei der Untersuchung von Amys Fahrzeug entdeckten die Ermittler Blutspuren. Familienangehörige erklärten später, Timmothy habe in jener Zeit häufig unter Nasenbluten gelitten, was die Spuren erklären könne. Ob diese Darstellung der Wahrheit entspricht, konnte nie abschließend geklärt werden.
Die Polizei rekonstruierte Amys Route während der drei Tage. Sie hatte verschiedene Geldautomaten aufgesucht, mehrere Hotels gebucht und war kreuz und quer durch zwei Bundesstaaten gefahren. Doch es gab eine entscheidende Lücke: Etwa 10 Stunden zwischen dem letzten bestätigten Aufenthaltsort und dem Zeitpunkt ihres Todes sind nicht dokumentiert. In diesem Zeitfenster könnte sie Timmothy übergeben haben.
Ungeklärte Vermisstenfälle
Psychische Erkrankung und Vorgeschichte
Amys Lebensgeschichte war von psychischen Problemen überschattet. Sie hatte bereits früher Suizidversuche unternommen und litt unter einer diagnostizierten psychischen Erkrankung. In den Wochen vor Timmothys Verschwinden soll sich ihr Zustand verschlechtert haben.
Die Ehe mit James Pitzen war belastet. Es hatte Trennungsphasen gegeben, und Amy hatte Ängste geäußert, das Sorgerecht für Timmothy zu verlieren. Einige Ermittler vermuten, dass diese Angst sie zu ihrer verzweifelten Tat getrieben haben könnte – den Sohn zu verstecken, wo der Vater ihn nie erreichen könnte.
Falsche Hoffnung im Jahr 2019
Im April 2019 meldete sich ein 14-jähriger Junge in Kentucky bei der Polizei und behauptete, er sei Timmothy Pitzen. Er sei jahrelang festgehalten und missbraucht worden, sagte er. DNA-Tests zeigten jedoch schnell: Der Jugendliche war Brian Michael Rini, 23 Jahre alt, und hatte die Geschichte erfunden. Für James Pitzen bedeutete dies eine erneute Enttäuschung nach Jahren der Hoffnung.
Der Vorfall zeigte jedoch, dass der Fall auch Jahre nach dem Verschwinden im öffentlichen Bewusstsein geblieben war. Die Geschichte des verschwundenen Jungen bewegt bis heute Menschen in den USA und darüber hinaus.
Die Suche geht weiter
Mehr als 13 Jahre nach seinem Verschwinden ist Timmothy James Pitzen weiterhin als vermisst registriert. Das National Center for Missing & Exploited Children veröffentlicht regelmäßig altersgerechte Darstellungen, wie der Junge heute aussehen könnte – mittlerweile wäre er 19 Jahre alt.
Die Ermittlungen sind offiziell noch nicht abgeschlossen. Immer wieder gehen Hinweise bei den Behörden ein, doch bisher führte keiner zum Durchbruch. James Pitzen hält an der Hoffnung fest, seinen Sohn eines Tages wiederzusehen.
Der Fall Timmothy Pitzen bleibt eine der rätselhaftesten Vermisstenmeldungen der letzten Jahre. Die zentrale Frage ist bis heute unbeantwortet: Was geschah in jenen verlorenen 10 Stunden, bevor Amy Fry-Pitzen sich das Leben nahm? Die Antwort darauf könnte ein inzwischen erwachsener junger Mann sein, der möglicherweise nicht einmal weiß, wer er wirklich ist.