Das Phantom von Heilbronn: Deutschlands größter DNA-Irrtum

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Es war einer der spektakulärsten Kriminalfälle der deutschen Geschichte – und zugleich einer der peinlichsten Irrtümer der Ermittlungsbehörden. Über 16 Jahre lang jagten Polizeikräfte aus Deutschland, Österreich und Frankreich eine weibliche Serienmörderin, deren DNA an Dutzenden von Tatorten gefunden wurde. Die Fahndung nach dem sogenannten Phantom von Heilbronn band enorme Ressourcen und führte zu einer beispiellosen internationalen Zusammenarbeit. Am Ende entpuppte sich die vermeintliche Täterin als Mitarbeiterin einer Wattestäbchen-Fabrik.
Der Fall begann 1993, als Ermittler erstmals eine weibliche DNA-Spur an einem Tatort sicherten. In den folgenden Jahren tauchte dieselbe genetische Signatur immer wieder auf – bei Einbrüchen, Autodiebstählen und sogar Gewaltverbrechen. Der entscheidende Moment kam am 25. April 2007, als in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen und ihr Kollege schwer verletzt wurde. Die DNA des Phantoms wurde am Tatort gefunden, was dem Fall seinen Namen gab und die Ermittlungen auf eine neue Stufe hob.
Insgesamt wurde die mysteriöse DNA-Spur an mindestens 40 verschiedenen Tatorten in drei Ländern nachgewiesen. Die Verbrechen reichten von Bagatelldelikten bis hin zu sechs Morden. Die Polizei erstellte ein Phantombild, setzte Belohnungen von bis zu 300.000 Euro aus und befragte Tausende von Zeugen. Besonders rätselhaft erschien, dass die Tatorte keinerlei geografisches oder kriminologisches Muster erkennen ließen. Profiler entwickelten verschiedene Theorien über die mögliche Täterin, von einer umherziehenden Roma bis hin zu einer psychopathischen Einzelgängerin.
Der Durchbruch kam im März 2009 durch einen Zufall. In Bayern wurde die DNA eines männlichen Asylbewerbers überprüft – und plötzlich tauchte auch hier die weibliche Phantom-DNA auf. Dies war biologisch unmöglich und lenkte den Verdacht erstmals auf die Wattestäbchen, die zur Spurensicherung verwendet wurden. Untersuchungen ergaben, dass die Stäbchen eines Herstellers aus dem bayerischen Raum bereits bei der Produktion kontaminiert waren. Eine Mitarbeiterin hatte die Stäbchen unwissentlich mit ihrer DNA verunreinigt. Die Wattestäbchen waren zwar steril im medizinischen Sinne, aber nicht DNA-frei – ein Unterschied, der den Ermittlern erst zu spät bewusst wurde.


