Rosemarie Nitribitt: Frankfurts bekanntester ungeklärter Fall

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Rosemarie Nitribitt war keine gewöhnliche Prostituierte. Die junge Frau aus Düsseldorf hatte es in den Jahren des deutschen Wirtschaftswunders geschafft, sich einen Lebensstil zu erarbeiten, der selbst für viele ihrer wohlhabenden Kunden unerreichbar war. Sie fuhr einen schwarzen Mercedes 190 SL, trug exquisite Pelze und lebte in einer eleganten Wohnung in der Stiftstraße 36 im Frankfurter Westend. Ihre Kundschaft rekrutierte sich aus den höchsten Kreisen der deutschen Industrie und Gesellschaft.
Am Freitag, dem 1. November 1957, wurde Rosemarie Nitribitt tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Die Polizei wurde alarmiert, nachdem die Hausverwaltung einen üblen Geruch bemerkt hatte. Die 24-Jährige lag erdrosselt auf ihrem Bett, der Tatort wies Spuren eines Kampfes auf. Die Ermittler schätzten, dass sie bereits mehrere Tage tot war – vermutlich seit dem 29. Oktober.
Die Ermittlungen gestalteten sich von Anfang an schwierig. Rosemarie Nitribitt hatte ein schwarzes Notizbuch geführt, in dem sie Namen und Kontaktdaten ihrer Kunden verzeichnet hatte. Doch dieses Buch verschwand spurlos, was Spekulationen über hochrangige Vertuschungsaktionen nährte. Gerüchte kursierten, dass Industriekapitäne, Politiker und sogar Mitglieder bedeutender Unternehmerfamilien zu ihren regelmäßigen Kunden gehörten.
Die Polizei verhörte über 1.500 Personen, darunter auch den Industriellensohn Harald von Bohlen und Halbach aus der Krupp-Dynastie. Er gab zu, Nitribitt gekannt zu haben, bestritt jedoch jede Verwicklung in ihren Tod. Ein weiterer Verdächtiger war ihr ehemaliger Zuhälter Heinz Pohlmann, der jedoch ein Alibi vorweisen konnte. Die Ermittlungen verliefen im Sand.
Der Fall erregte enormes öffentliches Interesse und wurde zum Symbol für die doppelbödige Moral der Adenauer-Ära. Tagsüber predigte man bürgerliche Tugenden, während nachts in den Hinterzimmern andere Regeln galten. Rosemarie Nitribitt hatte die Scheinheiligkeit der wirtschaftswunderlichen Elite bloßgelegt – und bezahlte möglicherweise mit ihrem Leben dafür.


